Österreichische Offiziersgesellschaft
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Der Offizier 01/00

Der Löwe von Przemysl

von Prof. Kurt Dieman-Dichtl

Das ganze Gerede von angeblicher Fremdenfeindlichkeit ist eine Ausgeburt von Lüge, Verleumdung und Heuchelei: Jemand, der meint, dass schon zu viele Fremde im Heimathaus wären und keine weiteren mehr hereingelassen werden sollten, um die Sicherheit und das Wohlergehen der ursprünglichen Hausbewohner nicht in Frage zu stellen, ist deshalb noch lange kein Fremdenfeind!

Wer heute gewisse Wiener Wohnbezirke aufsucht, wird sich wie ein Vertriebener im eigenen Haus fühlen. Dadurch entsteht Xenophobie, die von Humanitätsduslern aller politischen und religiösen Bekenntnisse als ärgste Untugend verurteilt wird, vom Verhaltungsforscher Otto König, Schüler des grossen Konrad Lorenz, der von der Sache mehr verstand, als irgend ein Caritasdirektor es je vermöchte, jedoch als etwas durchaus Natürliches bezeichnet wurde. Aber König und Lorenz und alle die ihre Meinung teilen, sind eben "Nazis"! Auch ich fühle mich von solchem Vorwurf gelegentlich bedacht, lebe aber ganz ausgezeichnet mit ihm, weil mir kein Bundeskanzler zu sagen bräuchte: "Lernen Sie Geschichte"!

Zur österreichischen Geschichte gehört es auch, dass in der alten k.u.k. Armee römisch-katholische, griechisch-katholische, evangelisch-lutherische, evangelisch-reformierte, israelische und islamische Militärgeistliche die ihrem Glauben anhangenden Soldaten betreuten. Der Feldrabbiner Leopold Fischer und der Militärmufti Hafiz Abdulla Effendi Kurbegovic, ein Bosniake, besaßen beide das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens mit der Kriegsdekoration: ein überzeugender Anschauungsunterricht, wie das alte Österreich war, und wie ein neues Europa einmal werden sollte!

Solches hören jedoch berufsmäßige Antifaschisten und Antisemitismusbekämpfer nicht gerne, die nie begreifen werden, dass sie mit dem fortgesetzten Rufmord am eigenen Volk, die beklagenswerten Opfer eines anderen Volkes nicht lebendig machen können. Wer beständig von "Ausländerhetze" in Österreich spricht, hetzt gegen Inländer und wer das Gespenst des "Antisemitismus" an die Wand malt, fördert den Antisemitismus: So klar ist die politische Dialektik, die einfache Menschen verstehen, nicht aber Politiker, die sich wie Übermenschen vorkommen.

Mein Großvater hatte mich schon bei einem unserer ersten Besuche im Heeresgeschichtlichen Museum im Wiener Arsenal auf das Bild mit den verschiedenen Militärgeistlichen aufmerksam gemacht: Er war zeitlebens Katholik, hatte einen Freund, der griechisch-katholischer Geistlicher war, und ließ sich ins Ehrenpräsidium des Verbandes Jüdischer Frontkämpfer wählen.

In die Neustädter Burg hat er mich leider nie geführt, obwohl er hier zuhause gewesen wäre, auch wenn er nicht die Maria Theresianische Militärakademie in Neustadt, sondern die Technische Militärakademie in Wien absolviert hatte. Dafür nehme ich die Erinnerung an ihn jetzt bei der Hand, als wäre sie ein Stück von mir wie es im Lied vom "Guten Kameraden" heißt: Gemeinsam schreiten wir, im Glauben an das unvergängliche Österreich, die Generalstiege, vorbei an der in der Mitte stehenden Büste Kaiser Franz Josephs, in den Maria Theresien-Rittersaal hinauf. Dort erwarten uns die Bildnisse von Heerführern und Maria Theresien-Rittern, die österreichische Kriegs- und Siegesgeschichte geschrieben haben.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Porträt des "Löwen von Przemysl", Generaloberst Hermann Kusmanek von Burgneustädten. Er war einer meiner Wahlonkeln. Die Familie Kusmanek gehörte fast zur Familie meiner Großeltern: Die Damen kannten einander schon vom gemeinsamen Schlittschuhlaufen, einem Nobelsport, ähnlich dem Golfspielen heutzutage. Anny Kusmanek, die jüngste Schwester, ein Schwarm meines Großvaters und des Feldmarschalleutnants Kasimir Freiherrn von Lütgendorf, dem Vater des in tragische Affären verwickelten und ebenso tragisch ums Leben gekommenen Kreisky'schen Verteidigungsministers, Karl von Lütgendorf, war die Taufpatin meiner Mutter und deren Schwester. Die bis in spätere Jahre bezaubernde Blondine -Witwe nach einem Major - zog auch mich, den zum Jüngling Herangewachsenen, in den Bann ihrer unwiderstehlichen Reize.

Ihre um etliche Jahre ältere Schwester, die Tante Laura, verwöhnte mich von Kindesbeinen an mit den geliebten Windsorzuckerln. Ihr Domizil in jenem Haus, in dem auch Heimito von Doderer wohnte, hatte mit drei Attraktionen aufzuwarten: Ein Teil des Stiegenhauses war eines Tages bei einem Klaviertransport eingestützt; ein Einbrecher versuchte sich, zum Glück vergeblich, an der mit mehreren Patentschlössern gesicherten Wohnungstür der Tante; in der Wohnung selbst befand sich ein Türkisches Zimmer, vollgestopft mit Wunderdingen wie aus "1001 Nacht". Vater Kusmanek, längere Zeit Polizeirat in Hermannstadt in Siebenbürgen, wo auch sein berühmter Sohn, der Generaloberst, 1860 zur Welt kam, galt als Spiritist. Ich konnte seine Seancen, die mich sehr angezogen hätten, nicht mehr miterleben, weil er zu meiner Zeit schon tot war.

Tante Berta Kusmanek, hatte einen angesehenen Arzt, namens Orel, geheiratet und schenkte ihm, außer einer Tochter, Berti genannt, zwei Söhne: den Musikwissenschafter Alfred Orel, der im Geruch des Nazismus stand, und den ein wenig skurrilen Politiker Anton Orel, der sich vornehm "Dono" nannte. Er hatte sich das Aussehen von Maxim Gorki zugelegt, war Gründer des Vogelsangbundes und saß einige Zeit lang als Vertreter einer Einmannfraktion im Wiener Gemeinderat.

Orel reichte den Namen "Volkspartei" von der Monarchie, in der es schon eine "Katholische Volkspartei" gab, über seine "Christlich Deutsche Volkspartei" in der ersten Republik an die zweite Republik weiter. Obwohl er religiöser und ökonomischer, nicht rassistischer Antisemit war, verfolgten ihn im März 1938 die rassistischen.

Der Kusmanekneffe war schon 20 Jahre zuvor mit der politischen Gewalt, allerdings von anderer Seite, in hautnahe Berührung geraten: Der Zeitgeschichtler an der Linzer Universität, Gerhard Botz, ein "Linksaußen" in der von seinesgleichen dominierten Studienrichtung, berichtet in seinem Buch "Gewalt in der Politik" über eine Versammlung der Orelpartei kurz nach dem Umsturz, die von Sozialdemokraten überfallen wurde. Diese rissen Orel und die anderen Präsidiumsmitglieder "unter fürchterlichen Mißhandlungen vom Podium herunter und warfen sie aus dem Saal hinaus". Botz zitiert in seinem Bericht die christlich-soziale "reichsöpost", um die Schilderung der Gewalttat unter Anführungszeichen setzen zu können. Ideologischer Mief unter dem wissenschaftlichen Mäntelchen vergewaltigt jegliche Objektivität.

Hermann Kusmanek, der Onkel des Anton Orel, besuchte zunächst, wie mein Großvater drei Jahre nach ihm, die Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen. Dann trat er in die Maria-Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt ein und wurde am 18. August 1879 als Leutnant zum Infanterieregiment Nr. 63 - "Freiherr von Pitreich", Stab- und Ergänzungsbezirk Bistritz in Siebenbürgen - ausgemustert. Nach Absolvierung der Kriegsschule, wurde Kusmanek dem Generalstab zugeteilt und erklomm fortan die militärische Karriereleiter mit erstaunlicher Schnelligkeit.

Mein Großvater war Taktiklehrer an der Kriegsschule, für deren Absolventen er den akademischen Titel "Doktor militaris" einforderte. In den Generalstab wurde er leider nicht aufgenommen: Er blieb Truppier, was seinen Aufstieg, wie üblich, erheblich verzögerte. Bei zu großem Andrang geeigneter Kandidaten, entschied das Los über die begehrte Aufnahme in den Generalstab. Nachdem Kusmanek als Infanteriedivisionär bei einem Manöver durch Fehldispositionen in eine prekäre Lage geraten war, schien er für die Übernahme eines Korpskommandos ungeeignet. Im Jänner des Jahres, da der Krieg ausbrach, wurde ihm, gleichsam als Ausgedinge und Abschluß seiner Karriere, das Kommando über die Festung Przemysl übertragen, die zunächst keine besondere Bedeutung zu haben schien.

Dies änderte sich schlagartig im August 1914, als nach der erfolgreichen Sommeroffensive das österreichische Heer nach Westgalizien bis in die Karpaten zurückweichen mußte. Przemysl wurde von zwei russischen Armeen eingeschlossen und belagert. Dabei war die Festung keineswegs ausreichend gerüstet: Von den 38 Gürtelwerken verfügten nur 12 über bombensichere Decken; von den insgesamt 988 Geschützen waren nur 28 auf den neuesten Stand der Technik gebracht.

Zum soundsovielten Male erwies sich Österreichs Schmalhansküchenmeisterpolitik bei der Landesverteidigung als geradezu katastrophal! Dennoch hielt die Festung der ersten Belagerung, vom 16. September bis 9. Oktober 1914, stand. Die zweite Belagerung, vom 5. November 1914 bis zum 22. März 1915, endete mit der Übergabe von Przemysl an die Russen. Zuvor hatte Kusmanek noch einen kühnen Ausbruchsversuch unternommen, der jedoch scheiterte. Seine Truppen waren durch Hunger und Epidemien, Munitionsmangel und den Verlust vieler erfahrener Offiziere zermürbt.

Der österreichische General handelte allerdings anders als der deutsche General Paulus in Stalingrad. Auch Kaiser Franz Joseph handelte anders, als der "größte Feldherr aller Zeiten", Adolf Hitler: Kusmanek bat um Genehmigung für die Übergabe der Festung an die Russen, und der Kaiser stimmte zu. Der Kaiser und sein General hatten die Aussichtlosigkeit des Kampfes, vor allem aber die sinnlosen Menschenopfer vor Augen und forderten nicht das Schicksal der totalen Vernichtung wie in Stalingrad heraus. Also marschierte Hermann Kusmanek, Träger des russischen Annenordens mit Brillanten, an der Spitze von 120.000 Soldaten in die Gefangenschaft. Die Russen senkten vor dem tapferen Gegner den Degen und überließen den Offizieren ihre Säbel.

Das ist die kurzgefaßte Geschichte vom Löwenkampf der alten Armee um Przemysl. Sie ist deshalb für Wiener Neustadt so bedeutungsvoll, weil der Altneustädter Hermann Kusmanek, als er 1913 geadelt wurde, in dankbarer Erinnerung an seine einstige Ausbildungsstätte das Prädikat "von Burgneustädten" wählte. In sein Wappen übernahm er einen der beiden Türme des Neustädter Stadtwappens. Kusmanek war einer der höchst dekorierten Generäle der alten Armee: Er besaß die Großkreuze des Leopold-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone. 1921 wurde ihm vom Ordenskapitel des Maria Theresien-Ordens unter dem Vorsitz des den exilierten Kaiser als Großmeister vertretenden Feldmarschalls Franz Conrad von Hötzendorf auch noch das Ritterkreuz dieses Ordens zuerkannt.

Hermann Kusmanek rückte am 7. August 1934, wenige Tage nach dem Tod des deutschen Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorf und von Hindenburg, zur großen Armee ein, wie Großvater dies immer sagte. Der Generaloberst starb nicht in seiner schönen Herrschaftswohnung in der Wiener Liechtensteinstraße, sondern in der Pension "Eldorado" in der Hasenauerstraße, gleich gegenüber vom Türkenschanzpark, die eine Offizierswitwe betrieb. Hierher begaben sich auch die Tanten Kusmanek aus ihren nur maximal drei Kilometer entfernten Stadtwohnungen, um Sommerurlaub zu machen, wenn sie nicht zur Kur nach Bad Pystian fuhren.

Das Kusmanekbegräbnis war die letzte mit allem militärischen Pomp begangene Totenfeier für einen hohen kaiserlichen General: Der Sarg mit dem Verstorbenen wurde zunächst aus dem Trauerhaus, der Backsteinvilla im Währinger Cottage, getragen und mit einem Leichenwagen durch die Hasenauerstraße in die Innere Stadt gebracht. Vielleicht spielte die Salonkapelle im Kaffeehaus des Türkenschanzparkes eben den "Kaiserwalzer" als dies geschah. Warum soll sich die Phantasie, die Gottähnlichmacherin des Menschen, nicht solche Bilder ausmalen? Wo sie dies nicht mehr tut, verkümmert der Mensch zu dem, was er ohne Phantasie ist: ein Häuflein Elend!


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